Ich habe das große Glück aus meinem Haus in den eigenen Garten treten zu können – ein unvergleichliches Stück Lebensqualität.
In den letzten Wochen, seitdem es endlich spürbar wärmer geworden ist und alles sprießt und wächst, habe ich viel Zeit darin verbracht, vor allem, um immer wieder die temperamentvolle holsteinische Wiese in einen anglophilen Teppich zu bezwingen. Wenn dann diese Fläche von chlorophyllschwangerem Ebenmaß weich vor mir liegt, entschädigt mich das für die Stunden in denen ich meinen messerschwingenden Freund mühsam und schweißtreibend vor mir herschiebe.
Ich liebe es, danach am Abend mit müden Knochen und einem Glas Rotwein in der lahmen Hand im Garten zu sitzen, dem abendlichen Vogelkonzert zu lauschen und dabei den Duft aufzunehmen, den das Gras verströmt. Manchmal überkommt es mich und ich ziehe, auch an kalten Tagen, meine Schuhe und Socken aus und stelle meine müden Füße in das weiche, kühle Gras. Ein unbeschreiblicher Trost durchströmt mich dann, von jedem Halm direkt aus der Erde in meinen Körper übertragen. In diesen Momenten verläßt mich das immerplappernde Denken und - ich bin. Ich bin Teil des Gartens, bin Teil der Natur, die mich unbewertet aufnimmt, und ich bin Teil der Erde, die mich geboren hat und mich in ihren Armen hält.
Jenseits allen Intellekts begreife ich dann mein Dasein
Jenseits allen Intellekts begreife ich dann mein Dasein und meinen Platz in diesem Leben und in allen anderen. Ich spüre die Bäume atmen und verstehe jeden Ton der Vögel, die von Zuhause, von Liebe und von der Kraft des Lebens singen. Die Frequenzen der Vögel schwingen von Blume zu Blume, von Baum zu Baum, von Haus zu Haus und bringen alles zum Schwingen, auf das es heller wird. Lasse ich mich darauf ein, eröffnen sich mir die anderen Ebenen und ich sehe, was ich sonst nicht sehe, wenn ich in meinem menschlichen Funktionspanzer stecke: die Wesen, die Farben, die Bewegungen, die immer da sind und diese Welt bevölkern. Jeder Baum, auch Hecken, Blumen und Häuser sind von den verschiedensten Wesen umgeben und werden durch sie belebt und gespeist. Manche nennen sie vielleicht Elfen, Gnome oder Feen. Ich weiß nicht, wie sie heißen, ich sehe und fühle sie nur.
Jemand, dem es nicht so geht, könnte nun behaupten, dass es all das, was ich da in meinem Garten sehe und wahrnehme gar nicht gibt. Dazu fällt mir eine kleine Anekdote ein:
Ich saß eines Spätsommerabends mit einem älteren Bekannten auf seiner Terrasse und genoß die breite Leichtigkeit der beginnenden Nacht eines heißen Tages. Perfekt erschien mir die musikalische Untermalung der Grillen, die die Wärme in Töne übersetzte. Ich seufzte und sagte vollkommen zufrieden:
„Ach, ist das nicht schön, wie die Grillen zirpen?“
Mein Bekannter sah mich mit gerunzelter Stirn eine Weile sprachlos an und sagte dann:
„Welche Grillen?“
Nun wiederum war ich etwas sprachlos, überlegte eine Weile, was er meinen könnte und sagte:
„Na, die Grillen....die da zirpen...ganz laut. Hörst du die nicht?“
„Grillen? Nee, ich hör nichts!“
Ich schwieg bedeutungsvoll, fast traute ich mich nicht zu atmen.
Er reckte eines seiner Ohren in Richtung Garten und lauschte angestrengt. Ich schwieg bedeutungsvoll, fast traute ich mich nicht zu atmen, um keinen Laut zu stören, der an sein Ohr dringen könnte.
„Nein, ich höre nichts. In meinem Garten gibt es keine Grillen“, sagte er und damit war es beschiedene Sache. In seinem Garten gab es keine Grillen, weil er sie nicht wahrnehmen konnte.
Später fragt er auch immer mal wieder andere Besucher seines Gartens zweifelnd, ob sie die Grillen zirpen hören würden und meistens kam als Antwort: „Ja! Die sind enorm laut! Ein schönes Sommergeräusch, nicht wahr?“
Und so akzeptierte mein Bekannter, dass es Grillen in seinem Garten gibt, obwohl er sie nicht wahrnehmen kann. Doch hätte man ihn vor diesem Abend mit mir gefragt, er hätte Stein und Bein geschworen, da es in seinem Garten keine Grillen gebe.
In den Momenten, in denen ich, verflochten in die Aufgaben des irdischen Daseins, die Bäume nur als Stämme mit Laub und die Vögel nur als gefiederte, fliegende Tiere wahrnehmen kann, hilft mir die Erinnerung an dieses Erlebnis mit den Grillen, zu wissen, was alles da ist, auch wenn mir gerade in dem Moment nicht die Möglichkeit gegeben ist, es wahrzunehmen.
Gestern hat sich mein Gefühl dazu noch etwas erweitert. Meinem Leben fiel die Information zu, dass man Giersch essen könne.
Zaghaft pflückte ich mir ein Blatt und aß es.
„Giersch – Moment mal, das ist doch das Unkraut, das man nicht loswerden kann“, dachte ich und machte mich auf , herauszufinden, was es damit für Köstlichkeiten zuzubereiten gibt. Ich entschied mich für das Rezept von Giersch-Pesto. Mit meinem Eimerchen ausgerüstet schritt ich zur Ernte in den Garten und fand mich vor einem wundervoll üppigen Giersch-Feld wieder. Was für eine Pracht, wie es gleichmäßig im Wind wogte und mir seinen nahrhaften Wert kundtat. Zaghaft pflückte ich mir ein Blatt und aß es. Ich wollte sicher gehen, dass es auch tatsächlich gut schmecken würde, bevor ich mir die Mühe der Pesto-Zubereitung machen würde. Ich war überwältigt von dem klaren würzigen Geschmack, der mich an Petersilie erinnerte.
So pflückte ich voller Hingabe und jedes Blatt einzeln aussuchend mein Eimerchen voll Giersch und kam mir dabei vor wie eine erfolgreiche, begnadete Gärtnerin.
„Wow, ich steh in meinem Garten und pflücke meine Nahrung für diesen Abend!“
Ich konnte mein Glück kaum fassen. Ich war zwar auf dem Land groß geworden und mein Opa hatte immer einen Nutzgarten gehabt, der viel Essbares abwarf, so dass ich es kannte, selbstgeerntetes Obst und Gemüse zu verzehren. Dies aber war noch etwas ganz anderes. Ich hatte ja gar nicht angepflanzt und ausgesät, genau genommen hatte ich es sogar versucht auszumerzen und nun bot es sich mir an, als biologisch reine, im eigenen Garten gewachsene Delikatesse. Ich fühlte mich unglaublich beschenkt.
In der Küche bereitete ich dann ein schmackhaftes Pesto daraus zu, das ich im Kreise der Lieben am Abend zusammen mit warmem Baguette und Rotwein darbot. Es war so lecker, daß am Ende sogar die Schüssel mit dem Brot ausgestrichen wurde und wir uns einig waren: Es hätte mehr sein können!
Noch vor einer Woche hätte ich geschworen, dass es in meinem Garten nichts nennenswert Brauchbares zu essen gäbe,
So wurde, praktisch über Nacht, aus einem Feld voller Unkraut ein Füllhorn der Gaumenfreuden. Noch vor einer Woche hätte ich geschworen, dass es in meinem Garten nichts nennenswert Brauchbares zu essen gäbe, heute sehe ich aus meinem Fenster, an dem der Schreibtisch steht, an dem ich dies hier schreibe, auf meinen erntereifen Acker.
Wenn ich daran denke, wie ich die Blätter für das Pesto gepflückt habe, während ich mit den Füßen auf dem von mir gemähten und geliebten Rasen stand, und wie ich mir dann diese Blätter in zubereiteter Form kurz danach als Nahrung zugeführt habe, dann fühle ich nicht mehr nur eine Mutter Erde, die mich trägt und liebt, sondern sie nährt mich auch in direktester Weise, wie eine Mutter ihr Kind nährt. Ich fühle noch jetzt die Energie, die über meine Zunge in mein Innerstes glitt, mit dem Erdboden verbunden, aus dem sie wuchs. Fäden des Lichts, die mich erden.
Ich bedanke mich bei den Wesen, wie immer sie auch heißen mögen, die mir unermüdlich und geduldig zugeflüstert haben, dass man Giersch essen kann. Ich bin froh über diese Wahrnehmung, die meine Welt bereichert hat, und ich bin stolz, ihr gefolgt zu sein. Ich fühle mich mehr denn je genährt und getragen von der Erde, die eine Fülle von Schätzen bereithält – wenn wir sie bemerken.