Die meistgehörten Sätze im Leben sind?
Genau: Ich habe keine Zeit! Ich habe so viel um die Ohren. Ich habe so viel Stress.
Soll ich ein Geheimnis verraten? Alles, was in Ihrem Leben ist, haben Sie sich selbst reingepackt, also können Sie es auch wieder rauspacken, wenn es nicht gefällt. Und wenn es gefällt, dann nennen Sie es doch nicht Stress und Belastung!
Das Ding mit der Zeit funktioniert folgendermaßen...
Das Ding mit der Zeit funktioniert ja folgendermaßen: Es ist die absolut gerechteste Sache in unserem Leben und auf der ganzen Welt! Es hat nämlich exakt JEDER 24 Stunden pro Tag zur Verfügung. Wenn das nicht gerecht ist! Nun werden einige empört aufbegehren und echauffiert erwidern: „Aber ICH muss ja das und das tun!“, als sei das Leben aller anderen vollkommen frei von Verpflichtungen oder Notwendigkeiten. Und als wäre das Muss etwas von außen Auferlegtes. Ist es aber nicht. Sterben muss man irgendwann und das war´s auch schon mit dem Müssen. Alles andere entscheidet und verantwortet jeder selbst. Wie heißt es so schön: Du bist frei in deinen Entscheidungen und gebunden an die Konsequenzen - du hast immer die Wahl.
Man macht sich zum Sklaven von sich selbst und vom eigenen Leben, wenn man diese Keine-Zeit-Brille aufhat. In dem Moment rutscht alles, auch das, was zum Spaß, zur Freude und zur Belebung dienen kann, in den Erledigungsmodus, und schon fühlt man sich, als müsse man „auch das noch schaffen“. Der Besuch bei der Oma, der Abend mit der Freundin, Zweisamkeit mit dem Partner, das Hobby, der Friseurbesuch, die Gartenarbeit – alles will erledigt sein. Und schon wird es dadurch ins Absurde verkehrt.
Meine Woche hat, genau wie die von allen anderen, 168 Stunden
Wenn mir etwas wichtig ist und ich es machen will, dann habe ich auch die Zeit dafür und zwar nicht, weil ich den ganzen Tag Löcher in die Luft gucke und darauf warte, dass etwas passiert. Auch ich arbeite meine Stunden in der Woche ab, ich will das auch so, ich habe das entschieden und Spaß daran. Aber: Meine Woche hat, genau wie die von allen anderen, 168 Stunden, bleiben also bei z. B. 40 Stunden Arbeit 128 Stunden in der Woche, die ich zusätzlich nutzen kann, wie ich will. Ist das nicht klasse? Und das kann jeder - wenn er nur will und sich bewusst darüber wird, von welchen Mechanismen er sich durchs Leben hetzen lässt. Und ganz wichtig: Wenn ich etwas nicht machen will, dann prüfe ich sehr genau, warum ich dann überhaupt in Erwägung ziehe, es zu tun. Wenn ich nicht putzen will, dann tue ich es nicht. Wenn ich Freude an einem sauberen, aufgeräumten Haus habe, dann putze ich. Es gibt kein (inneres) Gesetz, das sagt: Ich muss putzen! Ich entscheide, was ich tue, warum und wann.
Genau genommen macht die Hetzerei sowieso keinen Sinn, denn wenn man so getrieben durchs Leben rennt, kommt man ja nie irgendwo an. Man verweilt nicht, man ist nie entspannt an Ort und Stelle, sondern man parkt nur für einen Moment sein Fleisch und ist mit den Gedanken und Interessen ganz woanders. An solchen zerrissenen Tages-Stationen kann keiner Freude oder Zufriedenheit empfinden, also kann man sie gleich ganz lassen.
Kürzlich sagte eine Freundin zu mir, dass ich schon seit Wochen "auf ihrer Agenda stehen“ würde. Sie vergab für die Erledigung „Freundin besuchen“ einskommafünf Stunden in ihrem Terminkalender, inklusive An- und Abfahrt versteht sich, um den Besuch bei mir „abzuarbeiten“. Pünktlich erhob sie sich vom Sofa, denn die nächste Pflicht wollte abgearbeitet werden. Erschreckend.
Ich nehme das nicht persönlich (auch wenn ich sagen muss, es war eine Herausforderung). Ich weiß, dass es nicht „wegen mir“ so ist. Trotzdem denke ich: Wenn ich jemanden sehen möchte, den ich mag, dann ist mir jede Minute davon etwas Wertvolles und kommt vor Haben und Sein und Schaffen. Wenn mein Herz mich treibt, „habe“ ich Zeit, und wenn ich etwas tun will, das mir aus dem Herzen kommt, und zwar egal wie unwichtig es für die Welt zu sein scheint, dann „finde“ ich die Zeit dafür. Denn sie ist da, die Zeit. Permanent.
Man macht sich auch noch zum Versager, zum Schuldigen
Eine andere Freundin sagt mir immer wieder, wenn sie sich lange nicht gemeldet hat, dass sie ein schlechtes Gewissen hat. Das ist ein menschlicher Mechanismus, aber wenn man mal darüber nachdenkt, ist das eine doppelt erfolgreiche Art, sich selbst fertigzumachen. Nicht nur, dass man nicht das tut, woran man Spaß hätte, nein – man macht sich auch noch zum Versager, zum Schuldigen, weil man sich im eigenen Kopf ein Szenario entwirft, bei dem der andere angeblich Erwartungen hat, die man enttäuscht, und die Enttäuschung kumuliert sich täglich.... So kann man sich wirklich herunterziehen und sich die Energie rauben.
Ich bin dafür, die Erklärung „Ich habe keine Zeit“ einfach abzuschaffen. Zeit zu haben ist eine Frage der Relevanz. Wenn plötzlich die Deiche zu brechen drohten, würde man spontan die Zeit finden, Sandsäcke zu füllen. Und warum? Die Relevanz würde sich verschieben, man würde es einfach wichtiger finden als alles andere. Aber auch das entscheidet man selbst: Nehme ich die Schaufel in die Hand und fülle Sandsäcke oder arbeite ich weiter an meiner Bügelwäsche oder an meiner Steuererklärung... Man kann als erwachsener Mensch ganz und gar selbstverantwortlich entscheiden, wofür man welche Zeit aufbringen will! Nur das haben viele total vergessen.
Das Entscheidendste aber ist, dass „keine Zeit“ die größte Droge der Jetztzeit ist. Mit „keine Zeit“ kann man sich betäuben, Distanzen schaffen, sich Entscheidungen entziehen und sich vom Hals halten, was man los sein will, zumindest vorübergehend. Zur Not hat man dann eben nochmal „keine Zeit“ - den Joker kann man, weil er gesellschaftlich anerkannt ist, immer wieder ziehen. Mit „keine Zeit“ kann man sich selbst davonlaufen, damit man sich nicht ertragen muss oder damit man nicht hinsehen muss, wie sehr man sich selbst vernachlässigt, wie sehr man sich selbst ignoriert. Man kann sich mundtot machen und sich gleichzeitig ein Alibi besorgen. Man kann sich Wichtigkeit verschaffen, denn wer viel um die Ohren hat, ist ein toller Hecht und ein lobenswertes Mitglied der Gesellschaft – mit den Werten sind wir ja alle aufgewachsen.
Auch ich habe so etwas natürlich schon gemacht. Ich habe es auf die Spitze getrieben, bis mir mein Leben, die Freude und die pausbackige Zeit meiner KInder davongelaufen und die Gesundheit ruiniert waren. Mein Antrieb waren Erwartungen, die ich erfüllen wollte, viele davon waren mir nicht mal bewusst. Eines Tages stellte ich fest, dass von den täglichen 24 Stunden nicht mal mehr genügend für einen halbwegs gesunden Schlaf übrig waren. Schlafen war Luxus, alles andere erst recht. Meine Zeit war auf einen verdörrten, gammeligen Rest zusammengeschrumpft, der im Begriff war vollständig in nichts zu zerbröseln.
Jede Erwartung, die man erfüllen will, frisst Zeit
Das Fazit: Das Gefühl von vermeintlicher Verpflichtung lässt Zeit auf magische Weise verschwinden. Jede Erwartung, die man erfüllen will, frisst Zeit, verdaut sie und hinterlässt einem nichts als einen Kackhaufen an wachstumsförderndem Dünger für neue Erwartungen.
Umgekehrt drückt es die Sprache schon so treffend aus: Wenn man sich ZEIT LÄSST, dann verbraucht man weniger davon. Alles was man langsam, rhythmisch, mit Freude und Ruhe angeht, lässt einen schneller ans Ziel kommen. So funktioniert Zeit.
Wie kommt man da hin? Für mich gibt es drei Komponenten, die Zeit produzieren: Lachen und Geselligkeit, in der Natur und mit Tieren sein und Meditation, wobei dabei jeweils eins ins andere greift.
Zur Meditation gibt es übrigens eine Lebenswahrheit, mit der ich diese Worte hier beenden möchte: Man sollte jeden Tag 20 Minuten meditieren. Und wenn man dazu keine Zeit hat, dann sollte man jeden Tag eine Stunde meditieren. Das Wort „meditieren“ können Sie wahlweise durch „Hund streicheln“, „Ball spielen“, „Vögeln zuhören“ oder „aufs Meer starren“ ersetzen. Oder was immer Sie auch wählen zu tun, ohne etwas zu tun.
Je mehr man bei sich bleibt, in sich hineinhorcht und bewusst entscheidet, was man tun will und was nicht, umso ruhiger wird die Welt und umso mehr Zeit taucht plötzlich auf.